Die Neuerfindung des Sitzens

Veröffentlicht am 10. Mai 2020

Einen noch nie dagewesenen Stuhl zu entwerfen ist eine schwierige Sache. Dem dänischen Architekten und Designer Hans J. Wegner ist es dennoch gelungen, einer vierbeinigen Sitzgelegenheit eine neue Dimension zu verleihen.

Einen noch nie dagewesenen Stuhl zu entwerfen ist eine schwierige Sache. Dem dänischen Architekten und Designer Hans J. Wegner ist es dennoch gelungen, einer vierbeinigen Sitzgelegenheit eine neue Dimension zu verleihen.

Man schrieb das Jahr 1949, als der Grundstein für eine außergewöhnliche Möbelkollektion gelegt wurde.
Gleich vier Stühle erblickten innerhalb kurzer Zeit das Licht der Welt, alle mit einem CH in ihrem Namen, ein dezenter Hinweis darauf, dass sie der dänischen Manufaktur Carl Hansen & Son entsprungen sind. Alle vier – CH22, CH23, CH24 und CH25 – machten eine internationale Karriere, die kaum überboten werden kann. Möglich war das allerdings nur, weil einige glückliche Umstände aufeinandertrafen.

DER STUHLMACHER
Ende der Fünfzigerjahre war die Welt hungrig nach jungen, inspirierenden, frischen Ideen. Lichtblicke, die den Alltag verschönerten, Verlässlichkeit und Ruhe ausstrahlten und etwas Neues, aber auch etwas Hochwertiges und Bleibendes repräsentierten. Der junge Möbeldesigner Hans J. Wegner, Sohn eines Schuhmachers, der bereits mit 17 seine ersten Möbelstücke entwarf, erkannte den Zeitgeist und wusste
seine Ideen in diesem Sinne umzusetzen. Gerade hatte er 1943 sein erstes Designstudio eröffnet, als sich dann schon sehr bald eine erste Zusam- menarbeit mit dem Tischlermeister Johannes Hansen anbahnte – beide mit dem Ziel, der dänischen Öffentlichkeit modernes Design näherzubringen.

1944 entwarf er den ersten China Chair in einer Serie von Stühlen, deren Design vom Stil der chinesischen Ming-Dynastie inspiriert war. Der ebenfalls zu dieser Serie gehörende Wishbone Chair, der Wegners erfolgreichstes Objekt und unter dem Namen CH24 berühmt werden sollte, entstand im Jahr 1949 und wird von Carl Hansen & Son seit 1950 kontinuierlich produziert. „Die ersten Möbelstücke waren zu ihrer Zeit besonders avantgardistisch. Wegners Arbeiten besaßen eine ganz neue und aufregende Ausdruckskraft. Gleichzeitig überzeugten sie durch eine Einfachheit, die bei vielen Menschen Anklang fand. Mit seiner raffinierten Handwerkskunst und zugänglichen Formsprache erreichte Wegner ein breites Publikum“, erzählt Knud Erik Hansen, CEO von Carl Hansen & Son, der das Unternehmen in der dritten Generation führt.

EIN HERZ FÜR HOLZ
Auch der CH25, bekannt auch als Lounge Chair, sah glanzvollen Zeiten entgegen, während CH22, ein weiterer Lounge Chair, und CH23, ein Esstischstuhl, erst später von Carl Hansen & Son wiederentdeckt und reeditiert wurden. Was aber ist das Geheimnis, das in diesen Stühlen steckt und sie so faszinierend macht? Hans J. Wegner verstand nicht nur sein Handwerk, er verstand auch die Bedürfnisse der Menschen. Seine entwerferische Arbeit war eng verknüpft mit traditioneller Handwerkskunst, die ihn oft dazu verleitete, bis an die Grenzen zu gehen. Sein kompromissloser Ansatz, an Dinge heranzugehen, begleitete ihn sein gesamtes Leben.

Das Gespür für Ergonomie und für das Material komplettierte die Begabung des gelernten Tischlers, der mit der legendären Stuhlserie für Carl Hansen & Son so richtig durchstartete. Diese trug seine unverkennbare Handschrift und ist bis heute Teil der umfassenden Wegner-Kollektion des Unternehmens. „Die ersten Stühle besaßen eine einmalige Ausdrucksform und waren von erstklassiger Qualität. Jeder Stuhl hatte seine eigene Optik und charakteristischen Merkmale, die später auch ihren Weg in andere Stuhlentwürfe fanden“, weiß Knud Erik Hansen, dessen Vater Holger Hansen die legendäre Zusammenarbeit mit Wegner Ende der Vierziger- jahre initiierte.